Heavy Metal für den guten Zweck

Freitag, 08. September 2017 10:40

Lärm in Hilfe verwandeln … das Legacy-Interview

2004 veranstaltete die Allstar-Metal-Band Die Paten mit Musikern von Disbelief und Crematory das Konzert Metal gegen Krebs, was Peter Schulz von Sadistic Brainslaughter und Power Rocker Records inspirierte, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen. Der damalige Vorstand des Dresdner SkullCrusher e.V. war davon leicht überzeugt, ein regionaler Empfänger für die Spenden schnell ermittelt, und das BENEFIZ METAL-FESTIVAL DRESDEN startete 2005 in seine erste Runde.

Wegen Differenzen in Fragen der Professionalität, Durchführung und Bandauswahl trennten sich eure Wege nach der zweiten Auflage.

Inzwischen ist Peter leider verstorben, die Querelen vergessen und das Booking komplett in den Händen von Enni, welcher ab Festival Nummer drei schon auf internationale Kontakte setzte. Wir danken Peter trotzdem sehr für diese Idee, und irgendwie lebt er ja dadurch auch weiter. Vom ersten Festival 2005 bis 2015 ging das Geld stabil an den Sonnenstrahl e.V., und es kamen da schon ordentliche fünfstellige Summen zusammen. Der Überschuss von 2016 (3.000,- Euro) wurde dann erstmalig gesplittet, und so ging dieser Betrag je zur Hälfte an den Sonnenstrahl e.V. und ein hiesiges Kinderhospiz. Die Anregung mit dem Kinderhospiz haben wir durch unsere Vize-Präsidentin Peggy, welche schon seit einiger Zeit zu einem in Dresden Kontakt hat. Schöner Zufall, dass es da zu unseren Freunden vom Party.San Open Air, dessen Partner wir seit vielen Jahren sind, Parallelen gibt. In Zukunft werden wir vermutlich einige Jahre nur dieses Hospiz unterstützen. Das ist der Tatsache geschuldet, dass unsere Initiative bezüglich Sonnenstrahl e.V. inzwischen eine Eigendynamik entwickelt hat und somit viele Veranstaltungen im Umfeld unseres Treibens eigene Spendenaktionen für diesen Verein ins Leben gerufen haben. Zeit, sich neuen Aufgaben zu stellen. Ein Metal-Festival zugunsten von kranken Kindern soll es aber auch in Zukunft bleiben.

Seit vielen Jahren kooperiert der SkullCrusher e.V. nun mit dem Chronical Moshers Festival.

Enni, Ehrenmitglied der Moshers seit 2008, war schon früh ein großer Fan von deren Open Air und organisierte ab 2007 zusammen mit Hebi die Busausfahrten von Dresden dahin. Später haben die Moshers unsere Idee aufgegriffen und ein Volleyballturnier für den Sonnenstrahl e.V. organisiert. Inzwischen spenden die Freunde und Partner vom Protzen Open Air, Brutz & Brakel, Scheddel Leipzig und mehr für diese Sache.

Was kann man sich unter der Musiktherapie vorstellen, für die das Geld 2016 verwendet wurde?

Der Sonnenstrahl beschäftigt eine eigene Musiktherapeutin, welche die Kinder beispielsweise nach der Chemo in der Krebsstation besucht und mit ihnen musiziert. Musik ist in der Lage, Menschen glücklich zu machen und kann zur Selbstheilung beitragen. Uns gefiel die Idee besser, dort in Instrumente und die ewig vakante Stelle der Therapeutin zu investieren, als in die Abläufe des Verwaltungsalltags. Da für viele Außenstehende unsere Musik infernalischer Krach ist, sagen wir gern: Wir verwandeln Lärm in Hilfe – das passt irgendwie zu uns.

Wie reagieren die Bands auf eure Anfragen?

Viele Bands gehen ein Stück weit mit den Preisen runter, und das ist gut so, wären doch manche Headliner aus rein wirtschaftlicher Sicht so nie buchbar gewesen, aber auch vor Bewerbungen können wir uns kaum noch retten. Trotzdem sei gesagt, dass bei uns auch die unbekanntesten Opener ein Minimum an Geld (nicht unter 100,- Euro) und die gleiche Versorgung wie der Headliner bekommen, denn alles darunter betrachten wir als Ausbeutung aufstrebender Bands.

Gibt es auch Negativbeispiele, die euch desillusionieren? Vielleicht aus dem Black Metal-Lager, denen das Konzept zu menschenfreundlich ist?

Das passiert eher weniger. Black Metal-Bands werden, bis auf wenige Ausnahmen wie Grabak oder Eminenz, aus genannten Gründen von uns nicht angefragt. Verstörend ist eher, dass uns schon vorgeworfen wurde, uns zu bereichern, da wir ja inzwischen 30,- Euro für ein Wochenend-Ticket nehmen, die Bands aber grundsätzlich umsonst spielen würden und selbst Headliner wie Sodom ja wohl nicht mehr als 1.000,- Euro kosten können. Das ist natürlich völliger Unsinn, stößt aber bei einigen unbedarften „Szenegängern“ auf offene Ohren. An dieser Stelle sei erwähnt, dass unser Festival bis zu 14.500,- Euro persönliches finanzielles Risiko in sich birgt. Ordnen wir diese Gerüchte besser unter „purer Neid“ ein und lassen uns nicht weiter darauf ein.

Haben sich aus dem Festivalanlass ganz andere Backstage-Gespräche als sonst vielleicht üblich entwickelt?

In der Tat stößt die Idee bei vielen Bands auf reges Interesse, und so kommt es mitunter sogar zu tiefgründigen Diskussionsrunden unter Mitgliedern und Musikern, und das auch bei Bands, denen man es nicht zutrauen würde. Haemorrhage, Rompeprop, Truppensturm, Furnaze oder Asphyx seien da stellvertretend genannt. Anekdoten gäbe es unzählige, und wohl jedes Jahr hält neue bereit, sei es die spontane „Wrestling-Show“ an der Bar während der After Show-Party mit Warhammer/Iron Kobra-Mitgliedern oder die Backstage-Disco mit Fernando von Haemorrhage, natürlich bis morgens im blutigen Outfit, welcher dann auch direkt so Richtung Flughafen gebracht werden wollte/musste, da sonst die Zeit zum Check-In zu knapp geworden wäre. Oder die herrlichen Gespräche über „Tote Oma“ (sächsisches Nationalgericht) und „leichte“ Trinkorgien mit Husky (Asphyx, Desaster) oder Wumbo (Milking The Goatmachine, Demonbreed).

Das Billing der letzten Jahre bestand nahezu ausschließlich aus Thrash/Death Metal-Bands, darunter 2016 alte Hasen wie Accuser, Onslaught oder Dew-Scented. Passt die volle Dröhnung besser zum Anlass als ein buntgemischtes, vielleicht mainstreamigeres Billing?

Das scheint nur auf den ersten Blick so, mischen wir doch ab und an auch gern Bands aus der traditionellen Richtung des Metal und Power Metal unter, aber dem Zeitgeist gemäß zieht man mehr Leute mit härteren Bands. Warum das so ist, wissen wir auch nicht, aber die Zahlen sprechen da klar dafür. Wir bieten gern die volle Bandbreite beim Festival an, verzichten aber nahezu vollkommen auf Hard- und Metalcore. Die einzige Hardcore-Band, welche für uns in Frage kommt, sind übrigens Protection Of Hate, weil wir deren ursprüngliche Ausrichtung achten und uns tiefe Freundschaft zu den drei Mitgliedern verbindet. Man erwähne nur den kultigen „Schrod“, auch bekannt als „Kellner der Herzen“ bei Brutz&Brakel.

Oder sind das die Musiker, die am ehesten die Becherovka-Dröhnung vertragen? Wir haben bestimmt seit vier Jahren die selbe Pulle davon mit beim Party.San-Autogrammstundenstand, und die wird kaum leerer …

Komisch! Gerolsteiner gehören ebenfalls zu unseren Sponsoren, aber das wird nicht hinterfragt (hust). Die „volle Dröhnung“ mögen die meisten Musiker, und da sind sie bei uns richtig, sind wir doch bei Getränken sehr großzügig und geben meist „nolimit“ bis morgens früh um 3 Uhr ab. Von Becherovka bekommen wir übrigens in erster Linie die Keyholder für die Backstagepässe und unsere großen Kühlschränke an der Backstage-Bar. Dass wir deren Freiware an härterem Stoff auch gern annehmen, ist Ehrensache. Kleiner Tipp von uns: das magische Getränk „Beton“. Etwas Eis, 4 cl Bechrovka, Limetten, Tonicwater. Da wird die Flasche bei euch schneller alle …

Es gab Veranstaltungen mit Benefiz-Charakter, die sich als Aktionen von (ideologisch) Pegida-artigen Gruppierungen herausstellten – wurde von solcher Seite versucht, auf euch zu zugehen oder euch zu unterwandern?

In den frühen Jahren unseres Festivals gab es wohl seitens der NPD mal das Angebot zur Unterstützung. Das haben wir abgelehnt, und danach herrschte Ruhe. Und auch wenn der Satz ausgelutscht klingen mag: „wir geben uns hier eher unpolitisch“, aber wir sehen unseren Beitrag für die Szene dennoch als Völkerverständigung unter dem Banner des Lärms. Die Botschaft unseres Festivals ist ja eher „Hilfe statt Hass“. Unsere Besucher wissen das.

Bekommt ihr Unterstützung von der Stadt, oder ist Kultur aktiv ein unabhängiger Verein?

Außer von einigen Sponsoren, wenigen regionalen Handwerkern oder Inhabern von Pensionen bekommen wir hier keine Unterstützung. Gefragt haben wir anfangs schon, aber wir fragen eben nur und betteln nicht. Eine Gemeinnützigkeit wurde uns auch beizeiten aberkannt, da wir ja durch den Verkauf von Alkohol, welchen wir dringend zur Querfinanzierung benötigen, „die Menschen noch krankmachen würden“. Leidiges Thema halt. Kultur aktiv ist unabhängig, war aber über viele Jahre Arbeitgeber von Enni, und viele gute Ideen, Wissen und auch Hilfe wurden von dort übernommen. Die Freundschaft zu und Zusammenarbeit mit einigen Leuten von da dauert bis heute an.

Was gibt es über das diesjährige Konzert bereits zu berichten – wieder zwei Tage, wieder dieselbe Location?

So lange es uns möglich ist, bleiben wir im gleichen Haus. Da unsere Vereinsräume ohnehin in der oberen Etage des Hauses liegen, welches einem freien Bikerklub als Hauptmieter gehört und diese Vereinsräume durch die vorhandene Bar einen der schönsten Backstagebereiche der hiesigen Szene (O-Ton unzähliger Musiker) hergeben, hilft allein dieser Aspekt bei Kosten und Logistik ungemein. 2017 fahren wir - und wir hoffen, die Besucher bleiben uns trotzdem treu - unser finanzielles Risiko etwas herunter. Die Bands sind noch immer handverlesen und gut, allerdings benutzen wir nun tatsächlich unsere freundschaftlichen Bande, um den Druck auf uns ein wenig zu schmälern, aber auch wenn wir uns bei einigen Bands im Billing wiederholen, hat sich doch bei allen viel getan. Seien es neue Platten, Besetzungen oder auch Veränderungen im Alter unseres Publikums, denn dieses hat sich, auch wenn wir einen hohen Anteil an treuen Besuchern aus der ganzen Republik und darüber hinaus haben, sehr verjüngt, und für manche dürften sogar alle Bands neu sein.

Gab es schon mal Terminschwierigkeiten wegen der hohen Dichte an Festivals, weil man sich gegenseitig die Bands – und das Publikum wegnimmt?

Der Outdoor-Saison gehen wir nur aus zwei Gründen aus dem Weg. Erstens sind wir große Fans von Open Airs und auch auf vielen Festivals selber unterwegs. Wir wollten zweitens, auch wenn wir hier mitunter geradezu bedrängt werden, einfach nicht noch ein Open Air erschaffen, da wir die Festival-Landschaft für inzwischen übersättigt halten, sich gute Festivals längst etabliert haben und unsere Kosten auch ohne dieses Experiment beachtlich sind. Übrigens freuen sich die Leute, nach langer Saison auch mal wieder auf Shows ohne Fotograben.

Paul Speckmann hat nicht zuletzt wegen des ihm gewidmeten Buchs einen Narren an euch und der Location gefressen, er wird dieses Jahr wieder dabei sein – dito Protector, die auf den Comeback-Platten klasse sozialkritische Texte haben. Sind das auch Kriterien für euch?

Der Bildband von Paul Speckmann ist weniger ihm gewidmet, sondern entstanden, weil wir uns einst bei einem Benefiz hier angefreundet hatten, Enni für eine Weile in einem Buchverlag gearbeitet hat, und diese Kombination die Herstellung dieses Highlights ermöglichte. Es ist also Pauls Buch, wir gaben nur Hilfestellung und Idee. Dass Paul Speckmann den SkullCrusher seit Jahren als „Home, Sweet Home“ bezeichnet ehrt und spricht für uns. In der Grundeinstellung zum Metal decken sich unsere Vorstellungen sehr. Geradlinig, ehrlich, traditionsbewusst. Gleiches ist auch die Blaupause zur Freundschaft mit Martin Missy und Protector. Dass beide sich in ihren Texten global-sozialkritisch äußern, macht sie für uns nicht unsympathischer. Im Gegenteil, auch wir benutzen noch unsere Gehirne und prangern Missstände an. Für all die anderen Bands, welche wir auswählen, gilt: Es muss uns allen im Verein gefallen, und die Musiker sollten weder Arschlöcher noch politisch verwirrt sein.

Welche Band wäre ein Traum-Headliner, an den ihr euch nicht ranwagt, oder bei dem es bislang terminlich nie geklappt hat? Rein vom Namen SkullCrusher her würden Overkill wie Arsch auf Eimer passen, zumal die ja auch als engagierte Band bekannt sind. Oder Napalm Death.

Overkill wären großartig, schon weil deren Song so gut zu uns passt und früher auch nach jedem Konzert von uns als Erstes an der Bar lief. Aber da dürfte wohl eine Hürde namens Gage davorstehen. Ähnliches wohl bei Napalm Death, wobei wir glauben, dass beide Bands unser Anliegen verstehen würden. Träume gab es schon viele. Die Apokalyptischen Reiter (am besten so wie früher zu Zeiten ihrer ersten drei Scheiben), Destruction, Bewitched, Agent Steel und unzählige mehr. Manches scheitert an den jeweiligen Agenturen, dem Geld, oder z.B. auch an der Tatsache, dass wir auf Fotogräben verzichten und Konzerte abziehen, welche an frühe 80er-Clubshows erinnern. Wir werden aber nicht aufhören zu träumen. Hätte uns zur Clubgründung 1999 jemand prophezeit, dass wir irgendwann Bands der Größenordnung Sodom im Hause haben werden, wir hätten ihn für verrückt erklärt. Von daher warten wir mal ab. Wir sind zwar schon paar Jahre älter, aber noch immer voller Energie und für Überraschungen gut.

 

Interview written by Björn Thorsten Jaschinski (BTJ)/Legacy
27. April 2017

Quelle: Legacy#108 bzw. www.legacy.de

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